chevron_left
Zurück

Die plumpe Mär der täglichen Turnstunde

17. Februar 2019

Dass sich Österreichs Kinder zu wenig bewegen, ist seit Jahren in vielen Studien eindeutig nachgewiesen worden, wobei das Problem schon beim mangelnden Verständnis in den eigenen vier Wänden wurzelt und sich durch das Fehlen entsprechender Projekte in Kindergärten oder (Volks-) Schulen intensiviert. Dazu locken Computer, Fernsehen oder andere Unterhaltungsmöglichkeiten wesentlich attraktiver und effizienter. Und die Schulen? Verstecken sich hinter der Autonomie, wenn es darum geht, Bewegungsinitiativen wie die „tägliche Turnstunde“ zusätzlich zu wöchentlich zwei (lächerlichen) Turnstunden umzusetzen (vor nicht allzu langer Zeit waren es in der HS und der Unterstufe des Gymnasium noch vier Stunden wöchentlich). Falls doch, dann zumindest nach dem Unterricht, also aus wissenschaftlicher Sicht und im internationalen Vergleich viel zu spät und vollkommen falsch.

 

 

Eine HBSC-Studie (Health Behaviour School-aged Children) zeigt, dass bloß ein Fünftel der 11 bis 15-Jährigen in Österreich die minimalste Bewegungsempfehlung von täglich 60 Minuten erfüllt. Nur 28% dieser Kinder betreiben Sport, ein Viertel aller Mädchen zwischen 6 und 18 Jahren ist übergewichtig. Es gäbe also dringenden Handlungsbedarf und es ist sehr irritierend, dass Eltern, Politik und Schulwesen wenig bis nichts dagegen tun.

 

 

Die von den drei Dachverbänden ins Leben gerufene Aktion, eigene Coaches und ehrenamtliche Funktionäre in den Schulen einzusetzen war gut gemeint. Das Pilotprojekt wurde im Burgenland gestartet, und zwar mit der Teilnahme von 77% aller Schulen und 58% aller Klassen im Jahr 2017. Flächendeckende Einführung bleibt für Österreich aber eine Illusion, denn schulautonome oder finanzielle Gründe, mangelndes Interesse oder einfach fehlender politischer Nachdruck werden sehr oft vorgeschoben.  2017/18 waren nur 10% aller Schulen mit 1730 Klassen österreichweit beteiligt, in Tirol und Vorarlberg wurde die Initiative einfach ignoriert, in Oberösterreich legten sich drei Viertel aller Schulen oder Elternvereine quer (Quelle: Fit Sport Austria). Und in der Steiermark waren 11 Schulen (!) dabei. Im laufenden Schuljahr werden nur mehr Volksschulkinder bewegt, weil dem Sportministerium die Kosten zu hoch sind. Und keiner schreit auf!

 

 

Fehlt Österreichs Sport die richtige Strategie eines ganzheitlichen Sportkonzepts mit präzisen Zielsetzungen und Lösungsvorschlägen, die ungeachtet plakativer Prestigeprojekte (Nationalstadion) umgesetzt werden oder fehlt einfach das politische Wollen, um mit all diesen Dingen im Bereich des (Schul-) Sports umzugehen?

Dabei bräuchte man nichts neu zu erfinden, nur über den Tellerrand hinausschauen. Island, Norwegen, Kanada haben umfangreiche Programme umgesetzt, die eines auszeichnet: Sie integrieren die gesamte Bevölkerung und spannen den Bogen der Sportausübung von der Wiege bis zur Bahre.

Österreich ist eine Pseudo – Sportnation, denn Bewegung und Sport besitzen in Österreich anscheinend zu wenig gesellschaftliche Relevanz, Bewusstsein dafür ist nie ausreichend gebildet worden und bleibt daher wahrscheinlich eine ungeliebte, von der Politik vollends unbeantwortete Kulturfrage (Die Presse,19. 10. 2018).